Einfach Motorrad fahrem mit dem B196-Führerschein?

Honda CB125R in Sembach

B196-Führerschein1: Check. Habe ich im April 2021 gemacht und bin seitdem etwa 3600 Kilometer mit obiger Honda CB125R gefahren. Ich bin also noch recht unerfahren2, traue mir aber ein erstes Zwischenfazit durchaus zu. Kurz und knapp: Macht sehr viel Spaß, ist saugefährlich und erfordert ziemlich viel Disziplin. Ich würde den Schein zwar wieder machen, ihn aber nicht generell empfehlen.

Warum B196?

Der B196-Führerschein ist kurzgefasst eine Erweiterung des Führerscheins Klasse B, also des normalen Autoführerscheins. Man kann damit Leichtkrafträder fahren, also grob kleine Motorräder und Roller, die eine Leistung bis zu 11 kW (15 PS) haben. Halbwegs moderne Modelle dieser Kategorie schaffen die 100 km/h mit wenig Mühe3 und sind auf der Landstraße auch kein Hindernis. Genau das war für mich auch der Grund, den B196-Schein zu machen und nicht einen kleinen 50ccm-Roller zu kaufen. Ich hatte einfach Lust darauf, entspannt auf Landstraßen unterwegs zu sein.

Das Motorrad ist für mich kein Nutzfahrzeug. Es geht mir beispielsweise nicht darum, mit dem Motorrad auf die Arbeit zu fahren. Das finde ich ziemlich unpraktisch, denn anständige Motorradkleidung ist für einen normalen Tag im Büro einfach zu unbequem. Klar, man kann Laptop, Wechselklamotten etc. natürlich auch auf dem Motorrad unterbringen. Aber richtig praktisch ist das auch nicht.

Wichtiger als Praktikabilität finde ich aber: Ich möchte mich sehr bewusst aufs Motorrad setzen. Morgens noch im Halbschlaf, oder nach der Arbeit gestresst aufs Motorrad: Nein danke. Es gibt natürlich auch Tage, an denen ich auch mit dem Motorrad ins Büro fahre, aber: Ich möchte nicht darauf angewiesen sein.

Honda CB125R im Grünen

Das Motorrad ist für mich also nicht primär ein Transportmittel. Es ist ein Spaßgerät, mit dem ich Ausflüge mache. Oder kurz ein Eis essen fahren. Oder was auch immer mein Ziel sein mag, wenn mir nach Motorradfahren ist. Mein Auto wird das Motorrad nicht ersetzen können: Es ist ein Luxusspielzeug. Aber eines, das dank B196-Schein recht schnell gefahren werden darf.

Was spricht gegen den B196-Schein?

Man kann den B196 machen, wenn man mindestens 25 Jahre alt ist und den Autoführerschein Klasse B mindestens fünf Jahre lang besitzt. Den B196-Schein bekommt man dann mit einer rudimentären Ausbildung: Fünf praktische Fahrstunden, ergänzt um vier Theorie-Einheiten (jeweils 90 Minuten). Mit der Bestätigung der Fahrschule geht man dann zur Führerscheinstelle und bekommt den Zusatz im Führerschein vermerkt. Das geht relativ schnell und recht preiswert.

Der Nachteil aus meiner Sicht: Die Ausbildung ist eben nur rudimentär. Spätestens bei einer Gefahrenbremsung zeigt sich das. Diese habe ich während der Ausbildung nur kurz am Rande kennengelernt und nicht wirklich verinnerlicht. Das mag an meiner Fahrschule gelegen haben, oder es ist wirklich nicht im Ausbildungsplan vorgesehen. Wohl gefühlt hab ich mich ohne die Sicherheit, jederzeit voll verzögern zu können, jedenfalls nicht. Daher bin ich nach etwa 1000 gefahrenen Kilometern zu einem Fahrsicherheitstraining gefahren.

So ein Training mache ich auch mit dem Auto regelmäßig, aber auf dem Motorrad macht es noch viel mehr Spaß. Das Honda Fun & Safety-Training kann ich nur empfehlen. Der Instruktor war sowohl kompetent als auch geduldig, und auf dem Gelände bei Frankfurt gibt es eine kleine Teststrecke. Dort lassen sich vielfältige Übungen aufbauen, und dort konnte ich einen Tag lang nach Herzenslust üben. Besonders komfortabel: Ich konnte mit meinem Auto hinfahren und vor Ort ein Motorrad leihen. Das ist im Kurspreis enthalten und sorgt für eine entspannte Anfahrt. Außerdem konnte ich so eine Honda GROM ausführlich testen: Auf dem relativ kleinen Testparcours hat dieses Moped richtig Spaß gemacht.

Das Wichtigste aber: Ich habe an diesem Tag enorm Vertrauen in die Fähigkeiten eines Motorrads entwickelt. Also genau das, was ich in der Fahrschule vermisst habe. Insofern kann ich nur raten: Fahrsicherheitstraining machen!

Was kostet der Spaß?

Die Kosten sind natürlich regional unterschiedlich, und auch abhängig vom eigenen Anspruch. Grob habe ich Folgendes bezahlt:

Was?Wieviel? [Eur]
Fahrschule650
Fahrsicherheitstraining120
Schutzausrüstung900
Honda CB125R (2021)4600
Sturzpads90
Verstellbare Bremshebel80
Erstinspektion nach 1000 km100
Motorradheber (gebraucht)65
Wartungsmaterial50
SUMME6655

Mit Schutzausrüstung meine ich die Bekleidung. In einer guten Fahrschule muss zwingend eine komplette Schutzausrüstung getragen werden. Vor Corona konnte man zumindest einen Teil davon direkt in der Fahrschule leihen, das war bei meiner Fahrschule nicht mehr möglich. Ist ja auch egal, weil man später die Ausrüstung sowieso braucht. Man kann sicherlich auch weniger Geld ausgeben, aber die Schutzausrüstung soll ja auch ihren Zweck erfüllen.

Ich hatte zunächst relativ preiswerte Handschuhe — das war ein Fehler. Handschuhe müssen gut passen und ein gutes Tastgefühl vermitteln. Nach kurzer Zeit habe ich mir also ein wesentlich angenehmeres Modell gekauft. Ebenso habe ich mittlerweile eine zusätzliche Jacke für den Sommer, weil es in einer Touringjacke bei heißem Wetter einfach zu warm wird. Und ich bin mir sicher: Da wird noch das eine oder andere Kleidungsstück hinzukommen.

Ebenso muss man für die Wartung des Motorrads etwas Geld einplanen. Die Kette will gereinigt und geschmiert werden, wofür man Kettenfett, Kettenfettlöser sowie einen Motorradheber braucht. Die Inspektionsintervalle eines Motorrads sind wesentlich kürzer als bei einem PKW — meine CB125R muss alle 6000 km zur Inspektion. Auch hier muss man mit gewissen Kosten rechnen. Versicherung, Zulassungskosten etc. kommen noch hinzu.

Honda CB125R

Natürlich kann man auch ein gebrauchtes/billigeres Motorrad kaufen, aber (siehe oben): Spielzeug! Außerdem war mir wichtig, das mein erstes Motorrad mit einem vollwertigen ABS ausgerüstet ist. Das ergibt auf einem Zweirad noch einmal viel mehr Sinn als im Auto. Wenn man sich den Markt für gebrauchte 125er momentan anschaut, stellt man auch fest, das gebrauchte Motorräder überraschend teuer sind. Für mich war also schnell klar, dass ein neues Motorrad keine schlechte Wahl ist. Mit der Honda CB 125 R bin ich sehr zufrieden und kann sie empfehlen.

Warum kein elektrisches Motorrad?

Ich bin ja mit meinem Elektroauto wirklich glücklich und mag die Art, wie es sich fährt. Da liegt der Gedanke nahe, das ein elektrisches Motorrad auch eine gute Idee wäre. Ich habe mich — für den Moment — dagegen entschieden, und zwar aus folgenden Gründen:

  1. Die meisten Modelle schaffen nur 90 km/h. Damit bin ich auf der Landstraße dann wieder ein Hindernis, und genau darauf habe ich keine Lust.
  2. Die Reichweite reicht mir bei den meisten E-Motorrädern nicht. Ich will stressfrei 200 Kilometer zurücklegen können, bevor wieder nachgeladen werden muss. Und dann soll es bitteschön eine Schnelllademöglichkeit via CCS geben. Ein Pendler, der nur 30 Kilometer am Tag zurücklegt, hat gewiss andere Anforderungen.
  3. Natürlich gibt es die Zero S. Die macht auf dem Papier vieles richtig, und ist von den Fahrleistungen her auch eher ein A2-Motorrad. Dagegen sprechen aber Preis und die Distanz zum nächsten Händler.
  4. Die Defektrate von Zero, Super Soco, Urbet und wie sie alle heißen ist mir einfach zu hoch. Honda hat an der Stelle einen sehr guten Ruf, selbst eine 125er mit 30.000 Kilometern hat üblicherweise keine größeren Probleme. Die Zuverlässigkeit gerade von Zero spielt in einer anderen Liga, leider.

Letztlich habe ich einfach keine sinnvolle Kombination aus Höchstgeschwindigkeit, Reichweite, Verfügbarkeit, Händlernetz, Robustheit und Preis im elektrischen Bereich gefunden. Das ist schade, und ich hoffe, dass sich dies in den kommenden Jahren automatisch verbessert.

Der wichtigste Grund von allen ist aber: Ich möchte mir die Zeit geben, auf einem relativ langsamen Motorrad zu lernen. So eine 125er ist am Anfang schon schnell genug, um sich selbst in die Enge zu manövrieren. Das hohe Drehmoment eines elektrischen Antriebs steigert das Risiko doch erheblich, gerade wenn man am Anfang noch viele Fahrfehler macht. Noch ein Punkt für die CB125R: Das Fahrwerk und die Bremsen sind sehr gutmütig und bieten hohe Reserven. Auch wenn ich aus dem Gröbsten raus bin: Ich bin froh, diese Reserven zur Not zu haben.

Kann man den B196-Führerschein empfehlen?

Meine Antwort ist ein klares “Kommt darauf an”. Dagegen spricht, das man mit relativ wenig Erfahrung im Straßenverkehr unterwegs sein darf. Das entspricht dem amerikanischen “Motorcycle Safety Foundation (MSF)"-Kurssystem: Im Endeffekt lernen US-Amerikaner auf einem Parkplatz, wie man mit einem Motorrad anfährt und bremst. Mit der Kursbestätigung können diese dann, ähnlich wie beim B196, ihren Führerschein umschreiben lassen. In den USA ist es dann üblich, die so erworbenen Kenntnisse durch Kurse zu erweitern.

Thermografie Hinterreifen einer Honda CB125R nach einer Ausfahrt

Damit kann man also schon zurechtkommen, wenn man sich denn der Risiken bewusst ist und sich eben gezielt fortbildet. Siehe oben: Ich kann den Besuch eines Fahrsicherheitstrainings nur wärmstens empfehlen. Und ich bin mir sicher, dass ich auch in Zukunft den einen oder anderen Kurs buchen werde. Auch Youtube, Bücher & Co. sind gute Lernquellen.

Andererseits ist es auch falsch, davon auszugehen, das man nach einer “normalen” A1-Führerscheinausbildung wirklich Motorradfahren kann.
Effektiv hat man — genauso wie beim B196 — die Erlaubnis, im Straßenverkehr selbstständig weiterzulernen. Ein Sechzehnjähriger, der mit dem neu erworbenen A1-Führerschein in den Verkehr startet, hat eben noch nicht den gleichen Blick für den Verkehr wie jemand, der mindestens fünf Jahre Erfahrung durch einen PKW-Führerschein hat. Dafür lernt man in der A1-Ausbildung mehr Fahrtechnik, die gerade beim Motorradfahren sehr wichtig für die Fahrsicherheit ist.

Wenn man sich dieser Unterschiede bewusst ist und seine Fahrtechnik gezielt durch Kurse verbessert denke ich nicht, das der B196-Führerschein gefährlicher ist. Er ist einfach eine Angleichung deutschen Rechts an den europäischen Rahmen, und das ist gut so. Er schafft für diejenigen, die mit relativ wenig Aufwand einen Zugang zur Welt des Motorradfahrens erlangen möchten, eine gute Alternative. Und mit mindestens 25 Jahren sollte man dann auch alt genug sein, um sein eigenes Handeln im Straßenverkehr sinnvoll bewerten zu können. Mit 16 hätte ich das vermutlich nicht gut hinbekommen — so mache ich die Motorrad-Erfahrung eben mit etwas gereiftem Gehirn.

Und diese Erfahrung ist großartig, sodass für mich nur das Fazit bleibt: Ich würde es wieder machen.


  1. Ja, eigentlich falsch, es müsste “Erweiterung Schlüsselzahl 196 zur Führerscheinklasse B” heissen. Da so aber niemand redet, nenne ich dieses Konstrukt B196-Führerschein. ↩︎

  2. Im doppelten Wortsinne ;-) ↩︎

  3. Zumindest wenn es nicht steil bergauf geht. Dann ist schon einmal bei 80 km/h Schluss, aber generell habe ich nicht das Gefühl, das ich im Verkehr nicht mitschwimmen kann. ↩︎